Die Welt versteht nicht den Wahnsinnigen, doch der Wahnsinnige versteht die Welt

 



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Fehler.

Ein dumpfes Flüstern quält sich durch den nächtlichen Wald, als ich aus dem Auto steige. Ein Tuscheln, als hätte man schon auf uns gewartet. Als wäre es so gewollt, vorgeschrieben, seit etlichen Jahren geplant. Das verleiht dem ganzen eine sinistere Unabdingbarkeit, die es unmöglich macht zu atmen. Die kalte Luft der Wildnis verziert die Dunkelheit mit einem Hauch der Verächtlichkeit. Die unsichtbaren Masken der Teufel, die hier hausen grinsen mich stumm an. Ich war so überzeugt von dem Sinn der Sache, hielt es für das beste für uns beide. Und nun stehe ich hier. Starre auf die beschlagene Scheibe des Autos. Hier sind wir zwei nun also angekommen. Im aussichtslosen Nichts. Und du, mein treuester Freund, das Wesen, das mir mehr lieb war als alles auf der Welt, du wirst heute nacht sterben müssen.

Vorbereitung ist etwas so unglaublich relatives. Man kann sich millionenfach sagen man wäre vorbereitet. In den Situationen in denen es darauf ankommt vorbereitet zu sein ist man es nie. Denn Konsequenzen sind wie Krebs, man bekommt sie erst zu spüren, wenn sie einen nach und nach von innen auffressen. Die Folgen allen Handelns sind so unabsehbar wie die Erfüllung eines Wunsches. Wir hoffen ständig darauf, das Universum würde den Naturgesetzen, die wir ihm aufbrummen gehorchen. Doch das ist lauwarmer Quatsch mit einer sehr schlechten Soße. Es ist doch so, dass man nie wissen kann was passiert. Man kann sich höchstens eine gewisse Wahrscheinlichkeit ausrechnen, sich ein Ideal ausmalen. Aber das Schicksal liebt es mit uns Schach zu spielen. Denn es weiß, es ist uns immer drei Schritte voraus. Man könnte im Zuge dieses Bewusstseins seine Erwartungen radikal runterschrauben, sein Handeln möglichst unbedarft anlegen, alles auf nichts setzen und nichts auf alles. Aber die Hoffnung Einfluss auf irgendetwas zu haben wird uns als Säuglinge in die Fontanelle tätowiert. Es ist das Bangen einer Spezies um ihre angebliche Selbstständigkeit. Viel mehr noch. Um ihre Intelligenz und ihre Wichtigkeit. Man könnte diese Einstellung pessimistisch nennen. Ein wenig zynisch und schwarzmalerisch. Frustrierend und beengend. Doch es sind genau diese Gedanken, die mir durch den Kopf schießen,  als ich im Begriff bin diesen Fehler zu machen, von dem ich noch bevor ich ihm überhaupt einen Gedanken gewidmet habe weiß, dass er ein Anrecht darauf hat sich den vielleicht Größten meines Lebens zu schimpfen. Und ich werde ihn trotzdem begehen. Ich werde ein reines Gewissen haben, denn auch, wenn man etwas falsches tut, solange man der Überzeugung ist es wäre das Richtige, schläft der Skrupel unbekümmert weiter seinen Rausch aus. Und ich bin überzeugt, dass es das beste für uns beide ist.

Ich öffne die Hintertür des Wagens. Eine Träne stiehlt sich durch meine zusammengekniffenen Augenlide. Der Wind pfeift, sägt an den Baumwipfeln und bringt die klamme Stille des Forstes zum Zusammenbruch. Der Wald stöhnt unter der Last, die ich ihm heute auflade. Auflade, indem ich sie ablade. Das alte Spiel. Das Leiden des einen erlöst den anderen vom Schmerz. Halt mal kurz meine Probleme, sagt der Gepeinigte nur um im nächsten Moment ohne ein Wort des Dankes um die Ecke zu türmen. So wie du mir all die Jahre zur Seite standest. Und auch wenn ich alles dafür geben würde, meine unendliche Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen, weiß ich doch du würdest es nie verstehen. Alles was für dich zählt sind Liebe und Hass. Und ich liebe dich, zweifelsohne. Aber ich werde dich töten. Schon in wenigen Augenblicken. Ich werde die Tür öffnen, du wirst die Nachtluft schmecken. Dann werde ich das Gewehr von der Rückbank nehmen. Du weißt nicht was geschieht, aber du wirst es ahnen. Du hast es schon die ganze Autofahrt lang geahnt. Ach was, du hast es geahnt seit wir uns das erste mal begegnet sind. Und trotzdem hast du mich geliebt. Dich aufgeopfert. Dich hergegeben. Ich werde dir in die Augen blicken. Diese treuen, wunderschönen Augen, die mich schon so oft aus dem Sumpf des Alltags gefischt haben nur durch die bloße Bedingungslosigkeit ihrer Liebe. Ich werde schlucken, werde al1es herunterschlucken, versuchen alles zu vergessen. Werde daran denken, dass es das richtige ist. Das einzig richtige.

Weil wir Folgen und Konsequenzen nicht kontrollieren können gibt es kein richtig und falsch. Es gibt keine Fehler. Es gibt nur relativ gute und relativ schlechte Konsequenzen. Ein entmachtendes Gefühl. Die Fäden, die wir in diesem Wissen aus der Hand geben könnten zu dem Strick verwoben werden an dem übermorgen unser Leichnam baumelt. Der Tod als oberste aller Konsequenzen. Er ist weder gut noch schlecht. Er ist da. Er ist kein Fehler. Er ist das absolute Gegenteil eines Fehlers. Er ist das logische Ende von allem. Die Bestätigung des Systems Leben. In wenigen Minuten wirst du wissen wovon ich spreche.

Als meine zitternde Hand den Türgriff umschließt wird mir klar, dass der Tod auch die einzige Konsequenz ist, die jedes Lebewesen auf der Welt kontrolliert erzwingen kann. Die einzige Macht, die uns der Schöpfer in die Wiege geschissen hat. Zu bestimmen wann eine Entität stirbt. Den Geist aufgibt. Dadurch, dass wir den Geist der Menschlichkeit in uns aufgeben. Denn wir können nur dafür sorgen, dass jemand früher stirbt als vom Schicksal geplant. Das Leben verlängern können wir nicht. Wir können zwar Illusionen aufrecht erhalten, aber im Endeffekt entlarvt uns die Vergänglichkeit. Das größte Geschenk was wir dem Leben als solches machen können, die höchste Ehre, die wir ihm erweisen können ist auf dieses einzige Macht, die wir besitzen, nämlich die, über den Tod eines anderen zu entscheiden, auf diese Macht zu verzichten.

Und als ich die Tür öffne, als deine Blick zaghaft aus den Polstern der Rückbank ragt, weiß ich, dass ich dich liebe. Dass ich nicht derjenige sein möchte, der sich einem solch wundervollen Geschöpf gegenüber herausnimmt über Leben und Tod zu richten. Ich weiß du bist alt und krank und, dass du wahrscheinlich mehr leidest als du es mich jemals wissen lassen könntest. Die Pfoten sind tattrig und den Ohren fehlt schon fast die Kraft aufzuhorchen. Doch dein Bellen durchbricht die Nacht als ich dein trockenes Fell streichle.

Ich weiß du wirst nie sterben.

18.9.10 01:51
 


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