Die Welt versteht nicht den Wahnsinnigen, doch der Wahnsinnige versteht die Welt

 



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Ein Tag im Leben

Es hätte ein Tag wie jeder andere werden können. Doch stattdessen wurde es einer dieser Tage an denen es egal ist, ob es regnet oder schneit, ob die Sonne scheint oder Orkanböen die Landschaft malträtieren. Einer dieser Tage an denen das Universum gehörig darauf pfeift, ob du glücklich bist oder nicht. Nifel betrachtete die vorbeihuschenden Busstationen mit ihren Menschentrauben mit apathischer Gleichgültigkeit. Er dachte zurück an die guten alten Zeiten in denen man noch im Bus rauchen durfte. Vielleicht hatte es diese Zeiten nie gegeben, selbst wenn wäre er zu jung gewesen, um sich tatsächlich an sie erinnern zu können. Er wusste strenggenommen nur, dass er jetzt gern eine glimmende Zigarette zwischen seinen Lippen spüren würde. Seine Lunge sehnte sich danach mit Nikotinqualm gefüttert zu werden. Doch es nutzte alles nichts. Er würde so oder so noch über eine Stunde darauf warten müssen endlich sein Ziel zu erreichen und dieser Nichtraucherdiktatur auf 6 Rädern entsteigen zu können. Es spielte keine Rolle wonach er sich sehnte. Niemanden interessierte das. Das Gemeinwohl ragte sinnesbetäubend über den Moment und warf einen ernüchternden Schatten auf seine persönliche Zufriedenheit. Niemand wollte wissen wie es ihm geht, niemand fragte danach. Bis zu dem Moment in dem Mia sich neben ihn setzte.

"Na, wie geht's?"

Es brauchte einen Augenblick bis sich die Worte durch den Gedankenschleier in sein Bewusststein gekämpft hatten.

"Hrm?" Die klassische Antwort eines jeden auf das plötzliche Vorstoßen einer Fremden in die eigene Welt. Gepaart mit der Erkenntnis, dass man eben auch nur ein Mensch ist, ein Mensch, der eben nicht in seiner eigenen Welt lebt, sondern sich eine mit ein paar hundertmilliarden Lebewesen zu teilen hat. Eine Welt in der es Menschen gibt, die für ihr Leben gern Süßes vernaschen, während der Nachbar durch die Diabeteserkrankung jeden Morgen nur noch einen Socken anzuziehen braucht. Wo die einen am Krieg verdienen und andere alles verlieren. Und wo jeder vorgibt, dass es ihn interessiert, aber eigentlich jeder weiß, dass man diese Welt nicht ändern kann. In diese Welt verfrachteten Mias Worte aus Zucker Nifel an diesem mittelprächtig gezeichneten Montagmorgen.

"Es...was..ähm? Wie es mir geht? Also was...wa..."

"Na klar, sie fragen sich warum ich Sie einfach so anquatsche. Tut mir leid, das war bestimmt unhöflich von mir..Ich dachte nur....Sie gucken so trüb rein...Sie sahen so aus als ob Sie darauf warten, dass jemand Sie fragt..."

"Tu ich das?" Nifels Augenbrauen waren im Begriff sich in der Mitte seiner Stirn zu einem Ausdruck des Zorns und der Abscheu zusammenzufinden. Doch war es nicht genau das was er so hasste an den Menschen um ihn herum? Diese totale Blockade? Das sofortige Niederschmettern jeder Form von Zuneigung mit einem blökenden "Kümmer dich um deinen eigenen Kram"? Er senkte kurz die Augenlider und atmete durch.

"Nein, nein, mir tut es leid...es ist nett, dass Sie fragen. Aber naja das passiert nicht oft, dass jemand Fremdes..."

"Jemand Fremdes sich für das Innenleben eines anderen interessiert, nicht wahr? Die Menschen fühlen sich immer auf der Stelle angegriffen. Denken man wolle sich in ihre Angelegenheiten mischen. Dabei ist es doch so schön ein fühlendes Geschöpf zu sein. Man lernt aus jeder Begegnung mehr als aus tausend Büchern." Mia lächelte ihn an. "Ach, ich schwätze schon wieder, wahrscheinlich sind Sie gar nicht in der Laune für solche philosophischen Ergüsse."

"Nein, ist schon okay. Wirklich, ich bin nur nicht wirklich gut im Reden."

"Das glaube ich nicht. Ich glaube Sie haben nur Angst davor was die anderen denken. In ihrem Kopf sind sie sicher ein großartiger Redner!"

"Entschuldigung..ich will nicht unhöflich sein, aber Sie kennen mich doch überhaupt nicht."

"Vielleicht ändert sich das ja bald? Irgendwann muss man ja anfangen, und wenn es soweit ist, dass ich Sie kenne gestehe ich es gerne ein, falls ich mich geirrt habe."

Es war schwer Mias Alter zu schätzen. Sie versprühte einen ungewohnt jugendlichen Esprit, so wie er nicht einmal bei den jungen Leuten dieser Welt mehr zu finden ist, die längst aufgegeben haben. Die ihre Träume für billige Traumskizzen aus der Plastikwerbung ihrer Bildschirmröhren-Dimension eingetauscht haben. Zumindest kam es Nifel immer so vor. Die Träume waren zu derart unrealistischen Vorstellungen aufgeschichtet worden, dass ein tatsächliches Erreichen von vornerein unmöglich schien. Die Träume von einer schöneren Welt kamen nicht mehr aus dem Herzen, sondern aus Animationsstudios. Das Leben war Stagnation gewichen. Doch Mia schien anders. Sie schien älter. Nicht erwachsener, denn während die Jugend ihre Träume von vornerein als solche abstempeln, sind Stechkarten und Eheverträge das einzige was die sogenannten Erwachsenen noch abstempeln. Auch nicht reifer, denn das würde vorraussetzen, dass sie sich ihrem Alter entsprechend verhielte. Und ganz gleich wie viele Lenze sie tatsächlich schon auf der Erde wandelte, ihrem Alter entsprechend verhielt sie sich keineswegs. Ihre Haut schwelgte in einem sanftdunklen Teint, ummantelt von dunklen Locken, während ihre blauen Augen Rätsel über ihre Herkunft aufgaben. Ein Hauch von Sonnenschein begleitete ihre Erscheinung, jedes einzelne ihrer Worte.

"Ich fühle mich furchtbar," gestand Nifel nach ein langen Pause. "Ich...ich kann nicht sagen warum...es ist nicht so, dass es keinen Grund gäbe...es gibt zu viele."

Zu seinem Erstaunen nahm Mias Gesichtsausdruck eine weitaus ernstere Form an, verlor jedoch auch hierbei nicht seinen lebensbejahenden Grundtenor.

"Manchmal wollen wir auch einfach, dass es viele Gründe gibt, um uns von dem was uns eigentlich bedrückt abzulenken." Sie sagte das so völlig ohne jede Spur von Besserwisserei. Es war Philosophie aus dem tiefsten Innern jugendlicher Askese. Eine Ahnung von Leben, mit einem lockeren Handschlag aus der Luft gefangen und sanft in Worte gebettet. "Aber das merken wir erst, wenn all die anderen Sorgen dieses eine Problem so zunichte gemacht haben, dass wir plötzlich keinen Haken mehr haben auf dem wir unser Leid aufhängen können."

Nifel dachte einen Moment über das Gesagte nach.

"Mein Gott, klingt das geschwollen." Mia lachte. Nifel blinzelte kurz etwas perplex und musste dann auch unwillkürlich kichern.

"Wissen Sie...Sie müssen einfach mal aufhören über all diese Nebensächlichkeiten zu grübeln. Einfach mal in sich gehen und den Stein auf ihrem Herzen finden, der Sie wirklich bedrückt. Weil erst, wenn Sie wissen was das Problem ist können Sie doch überhaupt erst 'ne Lösung finden. Nicht wahr?"

"Tja, das klingt logisch." Nifel schmunzelte. Die bloße Anwesenheit des jungen Mädchens lenkte ihn schon von seiner Misere ab und auch wenn sie bisher noch nicht vermocht hatte die dunklen Wolken von seiner schönen Scheibe Welt zu schubsen, so lockerte sie das Unwetter doch auf. Ließ ihn gar den weit entfernt vertrauten Geruch von Sonnenstrahlen schnuppern.

"Wissen Sie, das klingt echt schräg, aber ich kann mich gar nicht mehr dran erinnern, wann ich das letzte Mal glücklich war. Also schon fröhlich, heiter, zufrieden, aber nie unbekümmert dabei, nie wirklich glücklich. Immer hab ich mich in so einer Zwangsjacke der Sorgen gefangen gefühlt. Alles hat mich bedrückt. Hat mir zu denken gegeben. Wenn ich mal die Chance hatte glücklich zu sein, dann hab ich das nie zugelassen...ich schätze aus Angst...aus Angst.." Er zögerte.

"Aus Angst verletzt zu werden. Aus Angst vor Enttäuschung. Aus Angst dem Glück vollstes Vertrauen zu schenken."

Zum zweiten Mal heute ergänzte sie einen seiner Sätze. Und zum zweiten Mal traf sie voll ins Schwarze. So als wäre sie zeitlebens ein Teil von ihm gewesen. Von diesem kranken alten Mann als den er sich fühlte. Völlig vernarbt und ausgelaugt. Vom Leben gebeutelt. Dabei war ihm wirklich noch nie etwas gravierend Schlimmes passiert. Eigentlich hatte er alles in seinem Leben geschafft, was er sich vorgenommen hatte. War in einer intakten Familie unter den Fittichen liebevoller Eltern aufgewachsen. Hatte gute Freunde gehabt. Hatte nie Hungern müssen. Und doch fühlte sich all das so zerschlissen an, dass es ihn in der windigen Kälte dieser Welt nicht zu wärmen vermochte. Vielleicht weil er wusste, dass er unaufhaltsam auf den Tag zusteuerte an dem er all das verlieren würde. Nicht durch ein Missgeschick, nicht durch Grausamkeit des Schicksals, sondern einfach, weil es der natürliche Lauf der Dinge war. Ein Kreis den nichts und niemand durchbrechen konnte.

Doch je länger er Mia fixierte, desto jämmerlicher und lächerlicher kam ihm sein Selbstmitleid vor. Die Dinge, die ihm passiert waren, waren nichts von dem man ihn nicht gewarnt hätte bevor er aus dem Leib seiner Mutter geschlüpft war. Nichts, was nicht zum Risiko des Lebens gehörte. Die Lebensfreude, die ihn aus Mias Wesen anlächelte hatte er anfangs als jugendliche Naivität abgetan. Mangelnde Erfahrung hatte zur großen Feier des Daseins geladen. Doch mit jedem weiteren Worte, das ihr über die Lippen floss schien sie ihm viel älter als es den Anschein hatte.

"Sie dürfen dem Glück nicht von vornerein die Tür vor der Nase zuschlagen. Sonst bleiben Sie weiter allein gefangen mit all Ihrem Kummer. Natürlich gibt es immer Rückschläge, die ein Zweifeln lassen, ja manchmal ganz fundamental zweifeln lassen, ob das alles hier einen Sinn hat. Aber die Wahrheit ist doch, es nutzt nix. Es nutzt nix sich zu verstecken. Das Glück mag Sie dann vielleicht nicht finden, weil es gar nicht die Zeit hat nach Ihnen zu suchen. Aber die Sorgen, die kommen immer. Die finden Sie immer. Völlig sorglos kann wohl kein Mensch sein, aber es ist doch nur höchst vernünftig ein Gleichgewicht in seinem Leben zu haben....Übrigens ich heiße Mia. Und Sie können mich ruhig duzen!" Der Bus klapperte und ächzte. All die Existenzen, die er transportiert hatte über Jahre, über Jahrzehnte. Sie alle waren so vollkommen belanglos in diesem einen Moment. In dem sich ihre schützenden Augen seiner annahmen. Ihre zierlichen Finger schlangen sich um die seinen und schworen ihm ihn nie mehr zu verlassen, wenn er es denn so wollte.

Weiter vorne im Bus kaute ein Kind auf seinem Lolli rum und fragte seine Mutter: „Warum redet der Mann dahinten mit sich selber?“

25.10.10 11:21
 


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